Die Sage der Wassersteiner Wasserlasser
Lange war der Brunzler allein. Seit Urzeiten saß er in der Tiefe unter dem Wasserstein, hütete das Wasser und wachte über die dunklen Adern und Kammern im Gestein. Er allein bestimmte, wann das Wasser stieg und wann es fiel, wann die Quellen sprudelten und wann sie schwiegen. Und lange Zeit reichte das.
Doch das Wasser unter der Baar war rastlos. Es floss an tausend Stellen gleichzeitig, suchte sich immer neue Wege durch das Salz und den Fels, brach durch Spalten, von denen der Brunzler nichts wusste, und versickerte in Tiefen, die selbst er nicht ergründen konnte. So mächtig er auch war – er konnte nicht überall sein. Das Wasser war stärker als einer allein.
Und so schuf sich der Brunzler seine Diener.
Aus dem nassen Fels und dem dunklen Schlamm formte er sie, aus Salz und Wasser und dem Gestein der Tiefe. Wesen, die weder Fisch noch Stein waren, weder Wasser noch Erde, sondern etwas dazwischen. Ihre Haut war wie nasser Stein – mal schwarz, mal blau, je nachdem, ob das Licht der Tiefe auf sie fiel oder nicht. Ihre Augen leuchteten rot in der Dunkelheit, wie glühende Kohlen hinter einem Wasserfall.
Die Alten nannten sie die Wasserlasser.
Denn das war ihre Aufgabe, seit der Brunzler sie erschaffen hatte: Sie ließen das Wasser. Auf sein Geheiß öffneten und schlossen sie die unterirdischen Wege, durch die das Wasser floss. Sie schoben die Steine zur Seite, wenn das Wasser steigen sollte, und türmten sie wieder auf, wenn es genug war. Sie waren die Hände des Brunzlers, seine Arbeiter, seine Geschöpfe in der Tiefe. Was er befahl, das taten sie, ohne Widerrede und ohne Zögern.
Es waren viele. Manche groß, manche klein, manche alt und langsam, manche jung und flink. Sie kannten jeden Riss im Gestein, jeden verborgenen Kanal, jeden Tropfen, der irgendwo zwischen Salz und Fels seinen Weg suchte.
Wenn der Brunzler mit seinem Stab auf den Fels schlug, wussten die Wasserlasser, was zu tun war. Ein Schlag – das Wasser durfte fließen. Zwei Schläge – die Wege wurden verschlossen. Und wenn der Brunzler seinen Stab hob und mit einem Grollen durch die Tiefe fuhr, dann wussten sie: Jetzt wird es ernst. Dann ließen sie alles Wasser auf einmal los, und oben auf der Baar traten die Bäche über die Ufer und die Menschen flohen in ihre Häuser.
Jahrhundertelang lebten die Wasserlasser unbemerkt unter der Wiese, die später Wasserstein heißen sollte. Die Menschen oben ahnten nichts von den Wesen unter ihren Füßen. Manchmal, in feuchten Nächten, wenn der Nebel über der Baar hing, drangen seltsame Geräusche an die Oberfläche – ein Gluckern, ein Scharren, als würde jemand schwere Steine durch nasse Gänge schieben. Die Bauern, die ihre Felder an der Stillen Musel bestellten, erzählten sich, dass der Bach manchmal ohne Grund anschwoll und ebenso plötzlich wieder zurückging, als hätte jemand tief unten einen Riegel geöffnet und wieder geschlossen. „Das sind die Wasserlasser", flüsterten die Alten. „Die lassen wieder."
Als man 1822 nach der Sole bohrte und den Brunzler in seinem Reich störte, traf man auch auf seine Diener. Die Salinenarbeiter berichteten von merkwürdigen Dingen in der Tiefe: Bohrer, die über Nacht verschoben waren. Werkzeuge, die am Abend an einer Stelle lagen und am Morgen an einer anderen. Wasser, das in den Schächten plötzlich stieg und fiel, als würde jemand mit den Leitungen spielen. Und manchmal, in den tiefsten Stollen, fanden die Arbeiter Spuren im nassen Schlamm – keine Fußabdrücke von Menschen, sondern breite, flache Abdrücke, als wäre etwas Schweres und Nasses über den Boden gekrochen.
Die Saline brachte den Wohlstand, und mit der Zeit vergaßen die Menschen die Geschichten. Dürrheim wurde zum Kurort, die Wiese über dem Reich der Wasserlasser wurde zum Baugebiet. Die Bagger gruben, die Fundamente wurden gegossen, und die Wasserlasser zogen sich tiefer zurück, in die Kammern und Gänge, die kein Bohrer je erreichen wird.
Aber sie verschwanden nicht.
In den Kellern der Häuser am Wasserstein stieg manchmal das Wasser, ohne dass es geregnet hatte. Rohre gurgelten in der Nacht, obwohl kein Hahn geöffnet war. Und die Kinder, die auf den Straßen spielten, legten manchmal ihr Ohr auf die Gullydeckel und schworen, dass sie von dort unten Stimmen hörten – viele Stimmen, die durcheinander riefen, leise und dumpf, als kämen sie durch meterdicken Fels.
Die Alten, die noch wussten, was unter dem Wasserstein schlummerte, lächelten nur. „Die Wasserlasser", sagten sie. „Die sind noch da. Die gehen nicht weg. Die gehören zum Wasserstein wie das Wasser zum Stein."
Und sie hatten recht. Denn einmal im Jahr, wenn die Fasnet über die Baar kommt und die Narren die Straßen füllen, steigen die Wasserlasser herauf. Sie kommen aus den Rissen im Asphalt, aus den Kellern und Kanälen, aus der Tiefe unter dem Wasserstein. In ihrem Gewand aus schwarzen und blauen Flecken – schwarz wie die nassen Steine, blau wie das Wasser, das sie seit Jahrmillionen lenken – ziehen sie durch die Straßen von Bad Dürrheim. Ihre roten Augen leuchten hinter den Masken, und von einer Seite schallt ihr uralter Ruf: „Wasser!"
Und von der anderen die Antwort: „Lasser!"
Und ganz am Ende des Zuges, hinter all seinen Wasserlassern, geht der Brunzler. Mit seinem Stab in der Hand und seinem grimmigen Blick treibt er sie vor sich her, wie er es seit Jahrmillionen tut. Denn die Wasserlasser mögen wild sein und ungestüm – aber der Brunzler duldet keinen Ungehorsam. Er hat sie geschaffen, er hat sie geformt, und er allein bestimmt, wann das Wasser gelassen wird.
Und wann nicht.